16.07.2009
Obwohl Kommunikation “in Verbindung treten” oder noch genauer, “sich verständigen” heißt, gehen die Kommunikationspartner erst einmal von sich aus, von ihrem ICH.
Das können wir sogar in den Konzepten unserer Sprache wiederfinden.
Zum Beispiel bei den Personalpronomen ich, du, er, sie, es, mit denen die Gesprächsrollen benannt werden: ICH ist der Sprecher, sein “ICH, JETZT, HIER” bestimmt seine Kommunikation.
Kleine Kinder und Schüler/innen bis zu ca. 9 Jahren haben als Zentrum des gesamten Weltbildes sich selbst. Sie können z.B. sich in einer Erzählung nicht vorstellen, was der andere davon nicht weiß. Sie sind, wie Jean Piaget (Denken und Sprechen 1930) sagt, “egozentrisch”.
Der Entwicklungspsychologe Gerd Mietzel (Mietzel 2001: S.85 weist) darauf hin, dass
“…eine gewisse Neigung zum egozentrischen Denken (sic!) im Sinne Piagets… auch in der weiteren Entwicklung bestehen (bleibt). Pädagogisch ist es sehr wohl wünschenswert, solchen Neigungen entgegenzuwirken. Mitmenschliche Konflikte entstehen vor allem, wenn die Beteiligten wenig Bereitschaft zeigen, die Sichtweise anderer einzunehmen. Bei gezielten Übungen und durch angemessene Intervention des Lehrers können Schüler allerdings zur Verminderung ihrer Egozentrizität veranlasst werden…”.
Auch, wenn wir uns auf den anderen einstellen und uns mit ihm/ihr verständigen wollen, gehen wir immer mit einem Selbstbild (Selbstkonzept) in die Kommunikation hinein, welches weitgehend durch Sozialerfahrungen in Kommunikationen geschaffen wird.
Das ICH und mein Selbstbild
Mit jeder Kommunikation machen wir (mache ICH) dem anderen einen Vorschlag für eine Beziehungsdefinition und damit auch für seine eigene Selbstdefinition und geben zugleich unsere Selbstdefinition kund (Selbstkundgabe).
Je nachdem, wie weit unser Vorschlag für eine Beziehungsdefinition, bzw. der Vorschlag der Selbstdefinition des anderen angenommen wird, verläuft die Kommunikation auf der Beziehungsebene positiv oder problematisch. ICH bestimme also den Verlauf der Kommunikation. ICH trage die Verantwortung.
Das Bild von sich selbst (das Selbstkonzept) wird heute als entscheidende Größe für die Entwicklung der Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit angesehen.
Schulz von Thun (Schulz von Thun 2001: S.187) weist darauf hin, dass schon der Tiefenpsychologe Adler beschrieben hat, “…wie jemand, der nicht viel von sich hält (Minderwertigkeitsgefühl), sich entweder entmutigt zurückzieht oder aber, in ständiger Beweisnot um den eigenen Wert, übersteigert nach Geltung und Überlegenheit ringt und so den größten Teil seiner seelischen Energie auf den Kampfplätzen der Rivalität und der imponierhaften Demonstration vergeudet.”
Mit dieser Tatsache verbinden sich viele Probleme in der Zwischenmenschlichen Kommunikation. Die Bedeutung eines negativen Selbstkonzeptes liegt nach Schulz von Thun (Ebd: S.187) in folgendem begründet: “Hat es sich erst einmal verfestigt, dann schafft sich das Individuum eine Erfahrungswelt, in der sein einmal etabliertes Selbstkonzept immer wieder bestätigt wird.”
“So ist,..” nach Schulz von Thun (Ebd: S.194) “…mit geradezu verheerenden Auswirkungen… zu rechnen, wenn ein sehr negatives Selbstkonzept generalisiert wird, z.B.”Mich mag sowieso keiner!” Dies wird ein (feindseliges oder zurückgezogenes) Verhalten in Gang setzen, das tatsächlich die Antipathie oder Gleichgültigkeit der Mitmenschen provoziert.”
Petermann und Petermann (Petermann/Petermann 2000: S. 39) definieren das Selbstbild, speziell auf Jugendliche bezogen als aus folgenden Bereichen zusammengesetzt:
Bereiche des Selbstbildes (bei Jugendlichen)
- Das Selbst (im Allgemeinen)
- Das psychologische Selbst
- Das soziale Selbst
- Das sexuelle Selbst
- Das familiäre Selbst
- Das adaptierte Selbst
Das ICH und meine Rollverhalten
Wir alle “spielen” in unserem Leben verschiedene Rollen, je nachdem, ob wir auf der Arbeit/ in der Schule sind, in unseren verschiedenen Sozialbeziehungen, auf Ämtern (Institutionen) oder in Gruppen. Das Spiel ist aber kommunikativ ziemlicher Ernst.
Die Fähigkeit, im Leben verschiedene, wechselnde Rollen zu übernehmen und erfolgreich ausfüllen zu können, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für positive und erfolgreiche Kommunikation. Sie ist mit Rollenflexibilität und sozialkompetenten Verhalten gut umschrieben und hat keineswegs notwendig mit dem Verlust von Authentizität und Selbstkonzept zu tun, auch, wenn dies durch das Verfestigen von ungünstigen Rollenvorstellungen oder manchmal in Auswirkung von streng institutionalisierten Rollenzwängen (vgl. z. B. die sog. “Rekrutenschizophrenie” bei jungen Soldaten) manchmal geschieht.
Rollen werden uns oft durch soziale Normen des Zusammenlebens insbesondere durch Institutionen und formale Beziehungen aufgezwungen, meist sind dies dann
hierarchische Rollenkonzepte:
- Vorgesetzte/r und Untergebene im Betrieb,
- Lehrer/in und Schüler/innen,
- Kapitän und Matrosen auf einem Schiff,
- Polizist/in und Verkehrsteilnehmer/innen,
- Offizier/innen und einfache Soldat/innen im Militär.
Daneben gibt es viele Formen funktionalen Rollenverhaltens im Bereich des zweckvolle kooperative Zusammenwirkens
- von gemeinsam lernenden Schüler/innen
- von Mann und Frau in einer guten Beziehung
- von Arbeiter/innen in einer Fabrik
- von gleichberechtigten Staaten zueinander
Funktionales Rollenverhalten muss aber nicht immer auf Gleichheit beruhen,
z.B.: das Verhältnis zwischen
- Verkäufer/in und Kund/innen,
- Arzt/Ärztin und Patient/innen,
- von Trainer/in und Spieler/innen.
Auch das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern ist zunächst einmal ein funktionales, es kann sich aber zu einem hierarchischen Rollenkonzept formalisieren, wenn die Eltern aus ihrem Status heraus immer die Oberhand beanspruchen (und sich dazu dann auch formaler Hilfestellungen bedienen).
Wichtig für uns ist die Fähigkeit zu flexibler Rollenübernahme (nicht umsonst trainieren kleine Kinder das) und die Verfügung über ein großes Rollenrepertoire.
Eine Hochschullehrerin kann sich z.B. von einem Sportstudenten im Fitness trainieren lassen (funktionale Rollen) und dann seinen Anweisungen strikt folgen, das ändert aber nichts an den “umgekehrten” Rollen z.B. in einer Prüfung (institutionelle Rollen).
Bedenkt man das funktionale Rollenverständnis von Mann und Frau kann man etwas ins Grübeln kommen, wenn man berücksichtigt man, dass es daneben auch ein geschlechts-spezifisches Rollenverhalten gibt. Gemeint sind die oft beschriebenen und heiß diskutierten unterschiedliche Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen oder Männer und Frauen, besonders im Umgang und in der Kommunikation miteinander (Thema Frauen- und Männersprache). Die Diskussion über die Phänomene der Unterschiede ist nicht streitig, wohl aber ihre Ursachen der Unterschiedlichkeiten (Sozialisation oder Anlage, gesellschaftlich, situationsfunktional oder wesensbedingt, vgl. auch das Konzept des “doing gender”).
Mit den Begriffen “Sozialisation” und “gesellschaftlich bedingt” ist allerdings die wesentliche Veranlassung für die Ausprägung von Rollenverhalten und seinem Erwerb angesprochen: Rollen sind das Ergebnis gesellschaftlicher Differenzierungen und werden weitestgehend sozial vermittelt. Verfügen ICH über ein großes Rollenrepertoire ist das ein wichtiger Ausdruck von Sozialkompetenz. Die notwendige Balance zwischen Rollenübernahme und der Bewahrung des eigenen Selbst bildet sich ebenfalls als Erfahrungen im Umgang miteinander ganz wesentlich heraus.